Prof. Dr.-Ing. Wolfgang Kresse, Neubrandenburg: Bericht zu meinem Einsatz als Senior Experte an der „Staatlichen Taurischen Agraruniversität in Melitopol“, Ukraine, 21.10. – 11.11.2021

Im Herbst des Jahres 2021 habe ich drei Wochen lang im Auftrag der Gemeinnützigen GmbH „Senior Expert Service“ mit Sitz in Bonn an der „Staatlichen Taurischen Agraruniversität in Melitopol“ in der Ukraine gearbeitet. Mein Auftrag war die Beratung der Hochschulleitung in Fragen der Aktualisierung und Anpassung des Hochschulcurriculums an die Vorgaben der Europäischen Union. Melitopol liegt im Süden der Provinz Saporischschja.
Melitopol wurde Anfang 2022 am zweiten Tag des Angriffs Russland auf die Ukraine besetzt und ist seitdem faktisch russisch. Die Universität wurde im Mai 2022 neu gegründet und heißt jetzt „Melitopol State University“.
Das Kollegium, das ich kennengelernt hatte, ist jetzt dreigeteilt: Ein Teil ist am Ort geblieben und arbeitet unter russischer Hoheit. Ein zweiter Teil hat eine Exiluniversität in der Stadt Saporischschja gegründet und arbeitet dort. Der dritte Teil hat sich in alle Welt verstreut, räumlich etwa zwischen Kiew und Stettin.
Mein Bericht spiegelt die Eindrücke wenige Monate vor Kriegsbeginn wider. Der Wunsch, sich nach einem Jahr wiederzutreffen, ist nie Wirklichkeit geworden.
Im oben genannten Zeitraum arbeitete ich an der Universität von Melitopol (Таврiйський Державний Агротехнологiчний Унiвеситет). Die Zeit war für mich sehr angenehm und lehrreich. Ich hatte den Eindruck, dass auch der Auftraggeber mit dem Ergebnis zufrieden war. Probleme gab es keine.

2.1 Flughafentransfer
Mein Flugzeug landete in Запорiжжя (Zaporischschja) am 21.10.2021 um 21:35 Uhr. Abgeholt wurde ich vom Lehrstuhlleiter Сергій Мовчан (Sergij Mowtschan), dem Dolmetscher Сергій Кулєшов (Sergij Kulieschow, Sprachzentrum) und einem Fahrer. Ankunft in der Unterkunft war 0:15 Uhr.
Die Rückreise begann um 11.11.2021 um 3:00 Uhr an der Unterkunft. Сергій Мовчан und sein Bruder als Fahrer brachten mich zum Flughafen von Запорiжжя. Abflug war um 7:00 Uhr.
2.2 Unterkunft
Als Unterkunft hatte ich eine 2-Zimmerwohnung mit Dusche und Küchenbenutzung im Studentenwohnheim. Nur eines der beiden Zimmer habe ich benutzt. Die Küche hatte ich für mich allein. Auf meinen Wunsch hin wurde die Leistung des W-LAN-Routers für die Wohnung stark vermindert, so dass ich gut schlafen konnte. Die Leistung blieb aber vollkommen ausreichend für meine umfangreichen Arbeiten im Internet.
2.3 Ablauf
Die Gastgeber hatte ein umfangreiches Programm für mich zusammengestellt, das mir einen sehr guten Einblick in die Struktur des bestehenden Studiengangs und die Leistungsfähigkeit der einzelnen Bereiche ermöglichte.
22.10.2021
- Antrittsbesuch bei der Prodekanin Галина Тараненко (Galina Taranenko)
- Antrittsbesuch beim Prorektor für Lehre Олександр Ломейко (Alexander Lomeiko)
- Antrittsbesuch beim Rektor Володимир Кюрчев (Wolodimir Kjurtschew)
- Vorstellungsrunde beim Кафедра геоекології і землеустрою (Lehrstuhl für Geoökologie und Landmanagement, organisiert als hybride Telekonferenz)
- Gemeinsames Mittagessen mit Lehrstuhlleiter Сергій Мовчан und Leiterin des Studiengangs Geodäsie Людмила Даценко (Ljudmilla Datschenko)
25.10.2021
Treffen mit dem Dozenten für die Grundlagen der Geodäsie Сергій Коломієць (Sergij Kolomijez)
26.10.2021
- Online-Treffen mit der Dozentin für das umfangreiche Paket von sechs Modulen zur Geodäsie Ольга Мазикіна (Olga Masykina)
- Treffen mit dem Mitarbeiter, der die Praktika zur Photogrammetrie durchführt, Іван Леженкін (Ivan Legenkin)
27.10.2021
Treffen mit der Dozentin für die Grundlagen der Mathematik, Наталя Дьомина (Natalja Domina)
29.10.2021
- Online-Vorlesung für Studierende des dritten Studienjahrs mit anschließender Diskussion auf englisch
1.11.2021
- Online-Treffen mit der Dozentin für Bodenordnung, die ihre erste von zwei Professuren an der Universität von Kryvyj Rih hat, Альона Паламар (Alona Palamar)
- Treffen mit dem Dozenten für Geometrie, Олександр Мацулевич (Alexander Mazulewitsch)
2.11.2021
- Treffen mit der Professorin für die Höhere Mathematik, Ольга Iченко (Olga Itschenko)
- Besuch der Vermessungsfirma СЕРВIОР (Servior) in Melitopol
3.11.2021
Tagesreise nach Kryvyj Rih zur Nachbaruniversität mit einem Studiengang Geodäsie (350 km eine Strecke). Das Hauptziel war das Kennenlernen der dortigen Ausstattung.
Ablauf:
- Persönliches Treffen mit der Dozentin für Geodäsie (s. 26.10.2021)
- Besuch der Universität
- Besuch des Bergbaumuseums, das vor allem eine Leistungsschau der Firma „Kryvyj Rih Iron Ore Plant (KZhRK)“ ist.
4.11.2021
Treffen mit dem Leiter des IT-Zentrums Сергій Шаров (Sergij Scharow) und der Geoinformatikdozentin Ольга Зінов’єва (Olga Sinowliewa)
5.11.2021
Hybrides Treffen mit der Dozentin für Satellitengeodäsie Наталя Сосницька (Natalia Sosnitzka, online) und der Physikdozentin Альона Дяденчук (Alona Dladentschuk, in Präsenz).
8.11.2021
- Treffen mit dem Dozenten für die Bewertung landwirtschaftlicher Flächen, Юрій Прус (Juri Prus)
- Treffen mit der Dozentin für Liegenschaftskataster, Анастасія Якунічева (Anastasia Jakunitschewa)
- Treffen mit dem Leiter des IT-Zentrums Шаров Сергій (Sergij Scharow) und der Informatikdozentin Оксана Строкань (Oksana Strokan)
- Treffen mit der Prorektorin für Forschung, Оксана Єременко (Oksana Jeremenko).
9.11.2021
- Empfang beim Rektor und Vorstellung des Abschlussberichts in Anwesenheit der gesamten Universitätsleitung
- Hybride Telekonferenz des Кафедра геоекології і землеустрою und Vorstellung des Abschlussberichts mit anschließender Diskussion
2.4 Geräte
Die Geräteausstattung ist sehr begrenzt und für eine universitäre geodätische Ausbildung nicht ausreichend. Vorhanden sind
- ein alter optisch-mechanischer Theodolit
- ein älteres elektronisches Tachymeter
- zwei optisch-mechanische Nivelliere
- zwei Satellitenempfänger, einer davon etwas neuer von Leica
- ein kleines Spiegelstereoskop
(siehe auch Bilderserie)
Der Bericht an die Universität enthält einen Vorschlag zur Ergänzung der Ausstattung. Ich stehe mit deutschen Händlern für Gebrauchtgeräte in Kontakt. Für die Finanzierung bitte ich um Unterstützung des SES bei der Suche nach geeigneten Fördermöglichkeiten.
2.5 Literatur
Die Universität hat derzeit keinerlei neue Literatur für ein Studium der Geodäsie. Einige frei verfügbare Literaturtitel habe ich bereits als Datei dem Lehrstuhl übergeben. Außerdem habe ich zugesagt, dass ich für Melitopol ein Literaturpaket zuschicken werde, das die Gesamtheit der Einzelthemen halbwegs abdeckt. Ein Baustein wird dabei mein Handbook of Geographic Information sein, das in wenigen Monaten in seiner zweiten Auflage erscheinen wird.
2.6 Bericht
Der an die Universität übergebene Abschlussbericht hat den Dateinamen „report_kresse_melitopol_v1.pdf“ und befindet sich anliegend.
3.1 Ausflüge
Die Gastgeber haben mich bei mehreren Ausflügen zu Sehenswürdigkeiten in der Umgebung eingeladen:
3.1.1 Steinberg (23.10.2021)
Der Steinberg liegt etwa 15 km von Melitopol entfernt und hat eine Größe von etwa 200 m x 100 m x 20 m. Seine Bedeutung ist geologisch und prähistorisch. Geologisch ist der Berg versteinertes Sediment der Küste des Schwarzen Meeres im Tertiär (vor 20 – 30 Mio. Jahren). Prähistorisch interessant ist das Höhlensystem des Berges, das schon im Paläolithikum den Menschen als Zufluchtsort diente. Aus jener Zeit gibt es Höhlenbilder. Außerdem werden dem Berg mystische Kräfte zugeschrieben. Auch ich habe auf dem Gipfel zum ersten Mal in meinem Leben Erdstrahlen gespürt, die sich ähnlich anfühlten wie ein W-LAN-Router in unmittelbarer Nähe.
3.1.2 Mennonitensiedlungen (28.10.2021)
Im späten 18. Jahrhundert hat Zarin Katharina II. Mennoniten ins Land geholt, um die bis dahin praktisch menschenleere Steppenregion am Asowschen Meer zu besiedeln. Der 1. Weltkrieg beendete die Bedeutung der Mennoniten für die Region. Zusammen mit einem Lokalhistoriker wurden mir u.a. Grabsteine mit deutscher Beschriftung aus der Zeit vor dem 1. Weltkrieg gezeigt.
3.1.3 Asowsches Meer (6.11.2021)
Wir haben die Küste in Кириловка (Kirilovka) in einer Halbtagesreise besucht.
3.2 Geschenke
Zur Abreise wurde ich reichlich beschenkt, und zwar unter anderem mit
- 10 verschiedenen Marmeladen- und Honiggläsern,
- 3 großen Stücken durchwachsenen Specks (сало),
- Wanduhr mit Uni-Motiv,
- Bierkrug,
- großem Aluminiumlöffel aus Zeiten der UdSSR und
- diversen Büchern und Broschüren.
Der Transport nach Deutschland erforderte die Anschaffung eines weiteren Rucksacks.
In der Ukraine sind Staatsbedienstete einschließlich des Uni-Personals praktisch zu 100% geimpft, meist mit Pfizer oder Moderna. Daher war meine Arbeit eher wenig gefährdet. Im Flugzeug wurde die Maske ziemlich konsequent getragen. Selbst in Supermärkten lag die Maskendisziplin bei etwa 90%.
Coronasymptome hatte und habe ich bisher nicht.
5.1 Online-Berichte über meine Arbeit in Melitopol
An den folgenden urls der Uni-Homepage befinden sich derzeit Berichte von meinem Besuch in Melitopol.
1.11.2021
3.11.2021
5.11.2021
8.11.2021
5.2 Telefon
Der Gastgeber hat mir eine ukrainische SIM-Karte gegeben, damit ich vor Ort jederzeit erreichbar war.
5.3 Sprache
Im Laufe der drei Wochen hatte ich zehn verschiedene Dolmetscherinnen und Dolmetscher, und zwar in einem Fall deutsch – russisch/ukrainisch und in den übrigen englisch –
russisch/ukrainisch. In der Regel wurde russisch gesprochen. Bei offiziellen Anlässen wie den Telekonferenzen mit allen Dozentinnen und Dozenten ukrainisch.
Ich selber habe mich um das Russische bemüht und aufgrund meiner Vorbildung mein Verstehenspotential von vielleicht 10% auf etwa 40% erhöht. Das hat dann oft die Kommunikation deutlich vereinfacht.
Der Einsatz hat mir diese Region Europas sehr viel näher gebracht als bisher – geschichtlich, gesellschaftlich, politisch und wirtschaftlich. Nach dem Ende des Einsatzes stehe ich weiterhin mit mehreren Kolleginnen und Kollegen in Kontakt. Seitens des Auftraggebers wurde die Hoffnung ausgesprochen, dass ich nach vielleicht einem Jahr wieder vorbeikomme, um den Fortschritt kennenzulernen.
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