Die (Nicht-) Wahrnehmung der Ukraine

Warum wurde die Ukraine in Deutschland und Westeuropa so lange übersehen? 1

Mit Beginn des russischen Großangriffs auf die Ukraine am 24. Februar 2022 rückte die Ukraine ins Zentrum der deutschen Aufmerksamkeit.
Die Ukraine ist über Jahrhunderte von ihren europäischen Nachbarn, insbesondere in Deutschland, kaum wahrgenommen worden, sie war als Subjekt der Geschichte weitgehend abwesend. Das hat dazu beigetragen, sie in den Augen Russlands als leichte Beute erscheinen zu lassen, ein verhängnisvoller Irrtum.

Kolonialismus / Imperialismus / Hegemonie Russlands

Der Ursprung dieser verhängnisvollen Nichtwahrnehmung reicht in die Zeit des russischen Zarenreichs zurück, das der Ukraine jegliche Eigenständigkeit verweigerte, lange vor Putins revisionistischen Expansionsbestrebungen und Putins hegemonialer Geschichtspolitik.
Mit dem Essay Zur historischen Einheit von Russen und Ukrainern vom 12. Juli 2021 2 stellt Russlands Präsident Putin die Existenz der Ukraine als eigene Nation infrage und bereitet den Großangriff Russlands auf die Ukraine ein halbes Jahr später vor. 3
In diesem Text beschreibt Putin seine Sicht auf die Ukraine und die Ukrainer und erklärt diese zur russischen Staatsraison. Er vertritt die Auffassung, dass die gegenwärtige Regierung des Landes von westlichen Verschwörungen gesteuert sei. Seit seiner Veröffentlichung ist der Essay von Putin Teil des vorgeschriebenen Lehrplans für alle Angehörigen der russischen Streitkräfte. 4
Die Ukraine ist für das Putin-Regime so wichtig, weil ohne die Ukraine sich deren imperiale und revisionistische Großmachtpläne nicht verwirklichen lassen. Ohne die Ukraine kann Russland kein eurasisches Imperium werden. Dies war vor und nach der Zeit der Sowjetunion so und ist es auch in der Gegenwart. 5
Heute stellt die Ukraine aus russischer Sicht eine Gefahr der Ansteckung durch eine überlegene zivile Kultur, demokratische Freiheiten und relativen Wohlstand dar. 6
Deutschland machte sich den russischen imperialen Blick auf die Ukraine zu eigen, der die Ukraine als integralen Bestandteil Russlands und als Land ohne eigene Geschichte sah. 7
Dies ging und geht teils in der deutschen Politik und Öffentlichkeit so weit, dass die Ukraine auch nach der völkerrechtlich fest verankerten Unabhängigkeitserklärung von 1991 als Hegemonalbereich, Einflusssphäre Russlands mit minderer Souveränität gesehen wird (aus russischer Sicht Nahes Ausland  8 ).  9 Damit wird Russland ein kolonialer Umgang mit den postsowjetischen Nachbarstaaten zugestanden.
Die Annäherung und dann die Mitgliedschaft in der NATO und der Europäischen Union haben den meisten Ländern Mitteleuropas und des Balkans Anfang der 2000er Jahre einen erheblichen Schutz vor dem postkommunistischen Revisionismus des Putin-Regimes verschafft. Die Ukraine ist das einzige und größte Land im östlichen Europa, dem dieser Schutz verweigert wurde, mit den Folgen, die seit dem 24. Februar 2022 für alle sichtbar sind.
Der Ukraine wurde 2008 die Annäherung an die NATO versagt. 10 Das geschah gegen das Votum der damaligen amerikanischen Regierung auf Drängen der Europäer, wobei Deutschland unter Angela Merkel die negative Vorreiterrolle spielte.

Historische Entwicklung im 17. bis 19. Jahrhundert

Ein Blick in die Geschichte zeigt, dass die Ukraine im 17. und 18. Jahrhundert sehr wohl auf der geistigen Landkarte Europas präsent war, und zwar sowohl unter ihrem Namen als auch als Land der Kosaken. Die Zeitgenossen identifizierten die Ukraine der frühen Neuzeit zurecht mit dem Hetmanat der Saporoger Kosaken. Das war jene autonome Staatsbildung im Rahmen des polnisch-litauischen Commonwealth, die sich für zwei Jahrhunderte zwischen Polen-Litauen und dem Moskauer Zarenreich als eigenständige Staatsbildung behaupten konnte. Die Rebellion des Hetmans Bohdan Chmelnynskyj gegen den polnischen König Mitte des 17. Jahrhunderts und die 1654 mit dem Vertrag (Treueeid) von Perejaslaw 11 erzwungene Unterwerfung der Kosaken unter die Herrschaft Moskaus fanden in der europäischen Öffentlichkeit lebhafte Aufmerksamkeit. Dieser Vertrag von Perejaslaw hatte für die ukrainische Nation fatale langfristige Auswirkungen.

Im Laufe des 18. Jahrhunderts liquidierte das Zarenreich dann Schritt für Schritt die Autonomie der Kosaken und gliederte das Hetmanat in die moskau-russische Provinzverwaltung ein. Im 19. Jahrhundert verschwand der Terminus Ukraine von der kognitiven Landkarte und wurde durch die russischen Begriffe "Kleinrussland" und "Kleinrussen" als Teil der von den Zaren gepflegten Vorstellung vom „Dreieinigen russischen Volk“, bestehend aus den „Großrussen“ (Russen), „Kleinrussen“ (Ukrainern) und „Weißrussen“ (Belarusen), ersetzt.
Damit vollzog sich eine bis heute entscheidende Weichenstellung: Das Zarenreich verweigerte den Ukrainern Eigenständigkeit oder auch nur Autonomie. Die Kultur, die Sprache und die Religion, sogar ein eigener Name wurde den Ukrainern verweigert. Die Ukrainer galten im 19. Jahrhundert als integraler Bestandteil der einen russischen Nation. Diese terminologische Umwandlung der Ukrainer und Kosaken in "Kleinrussen" innerhalb des russischen Zarenreichs ist im Westen weitgehend übernommen worden 12, sodass die Ukraine erst mit Beginn des 20. Jahrhunderts und zum Ende des Ersten Weltkriegs in der Wahrnehmung des Westens als etwas Eigenes, als etwas Neues erschien.

Die Leugnung jeder Eigenständigkeit der Ukrainer war in den letzten Jahrzehnten des Zarenreichs übergreifender Konsens und verband alle Schichten und politischen Richtungen der russischen Gesellschaft miteinander. Die terminologische Auslöschung der Ukrainer durch den russischen Imperialismus wurde im Laufe des 19. Jahrhunderts immer radikaler und unerbittlicher, denn sie war auch die Antwort des russischen Nationalismus auf die entstehende nationale Erweckungsbewegung eines Volkes, das es angeblich nicht gab.

Der russische Staat und die Gesellschaft reagierten repressiv auf die im Vergleich zur polnischen Nationalbewegung gemäßigten und auf den Bereich der Kultur beschränkten Forderungen der ukrainischen Nationalbewegung. Einen eigenen Staat verlangten die Ukrainer erst seit Ende des 19. Jahrhunderts und dann auch zuerst nur im österreichischen Galicien, aber nicht im Zarenreich.
Eine geplante Übersetzung der Bibel ins Ukrainische war Anlass für das Walujew-Zirkular an die russischen Zensurbehörden. Am 30. Juli 1863 erließ der russische Innenminister Walujew das Walujew-Zirkular, mit dem viele Veröffentlichungen (religiöse, pädagogische und Literatur, die für die Grundschulbildung der Bürger empfohlen wurden) in ukrainischer Sprache verboten wurden. Das „Walujew-Gesetz“ blieb bis zur Revolution von 1905 in Kraft. 13
Am 30. Mai 1876 sprach Zar Alexander II. in Bad Ems auf Betreiben der zaristischen Zensurbehörde ein weitreichendes Verbot ukrainischsprachiger Publikationen aus (Emser Erlass) mit der Begründung, dass „es keine spezielle kleinrussische Sprache gab, es nicht gibt und nicht geben kann“. Der öffentliche Gebrauch der Termini „Ukraine“ und „Ukrainer“ wurde im Zarenreich verboten. Der Dialekt, den das einfache Volk verwendet ist „Russisch, nur verdorben durch polnische Einflüsse“, stellte der russische Innenminister fest.
Dieses war Teil einer umfassenderen Russifizierungspolitik des Zarenreichs der 1870er und 1880er Jahre.
Bis Oktober 1905 unterlagen ukrainische wissenschaftliche Publikationen, Lesungen, Ausstellungen und Konzerte diesem Diktat. Der bedeutendste ukrainische Dichter Taras Schewtschenko (1814–1861) wurde für seine Texte und Gedichte in die kasachische Verbannung geschickt. 14
Damit wurde eine Zeit des weitgehenden Verbotes des gedruckten und öffentlich gesprochenen ukrainischen Wortes im gesamten Zarenreich einleitet.

Mit der Revolution in Russland 1918 verschwand das russische Konstrukt von der ostslawischen Einheit. Ukraine und Belarus riefen nach dem Zusammenbruch des russischen Reiches unabhängige Republiken aus, die allerdings nur wenige Jahre Bestand hatten.
Die 1918 gegründete ukrainische Volksrepublik lebte im Wesentlichen von der Unterstützung des Deutschen Reiches und der deutschen Besatzungsmacht. Nach dem Ende des Ersten Weltkrieges brach die eigenständige ukrainische Republik zusammen und geriet unter den Einfluss der russischen Bolschewiken und wurde dann schließlich Teil der Sowjetunion.

Die Bolschewiki waren klug genug, nicht zur Zarenpolitik gegenüber den Ukrainern zurückzukehren, als sie das Zarenreich mit der Sowjetunion restaurierten. Zum ersten Mal seit dem 17. Jahrhundert wurde mit der ukrainischen Sowjetrepublik für die Ukraine eine Staatenbildung mit eigenem Namen geschaffen, mit eigenen Staatssymbolen und dem in der sowjetischen Verfassung festgeschriebenen Recht zum Austritt aus der Sowjetunion, welches aber rein theoretisch war. Dieses war Teil der sowjetischen Politik der Korenisazija (russisch für „Verwurzelung“) der 1920er Jahre zur Förderung nichtrussischer Völker und nationaler Minderheiten, z. B. durch ukrainischsprachigen Schulunterricht. Die Verbesserungen wurden ab den 1930er-Jahren zurückgenommen.
Unter dem „Ukraine-Hasser Stalin“ wurde die Akzeptanz der ukrainischen Nationalität zurückgenommen und bis zum Genozid des Holodomor 15 ins Gegenteil gekehrt. Stalin war besessen davon, die Ukraine als eigenständige Nation zu zerstören und verfolgte dieses Ziel mit unglaublicher Brutälität, die Millionen Ukrainer Anfang der 1930er Jahre den Tod brachte. 16

Deutsche Politik in Ost und West seit 1945

Die Gebietsgewinne der Sowjetunion im Zweiten Weltkrieg, letztlich auch Folge des geheimen Zusatzprotokolls zum Hitler-Stalin-Pakt vom 23. August 1939, brachten es mit sich, dass nach 1945 zum ersten Mal seit dem Mittelalter alle von Ukrainern bewohnten Regionen in einer, wenn auch sowjetischen Staatsbildung vereinigt waren. Natürlich hatte die Sowjetmacht kein Interesse daran, die Ukraine und die Ukrainer als Subjekt der Geschichte zu sehen. Subjektcharakter kam ausschließlich den Russen und ihrem Staat, der Sowjetunion, zu. Gleichwohl haben sich gleichwohl in der langen Zeit der Sowjetunion viele Ukrainer in der Sowjetunion eingerichtet, sich aktiv an der Entwicklung der Sowjetunion beteiligt haben und in ihr Karriere gemacht haben. Der in Donezk in der Ostukraine aufgewachsene Nikita Sergejewitsch Chruschtschow brachte es bis zum Parteichef der KPdSU und damit zum mächtigsten Politiker der Sowjetunion. 17

Bemerkenswert bleibt jedoch, dass diese Täuschung in Deutschland und Westeuropa ohne weiteres hingenommen wurde. Das galt nicht für Nordamerika. In Kanada und den USA gab es nicht zuletzt wegen der aktiven Minderheiten aus der Sowjetunion größeres Wissen und Verständnis für den Vielvölkerstaat Sowjetunion, in dem nur die Hälfte der Bevölkerung Russen waren.
Die Sowjetmacht trat 1991 entgegen den Wünschen vieler westlicher, auch deutscher politischer Führer ab. Aber Russland akzeptiert das Ende der Sowjetunion nicht. Russlands Präsident Putin, erklärte 2005: „Der Zerfall der Sowjetunion war die größte geopolitische Katastrophe des 20. Jahrhunderts“ 18. Der Satz ist zu einem zentralen Element russischer Staatsideologie geworden. Putins Revisionismus war in erster Linie gegen die Ukraine gerichtet, er stellte die Existenz einer unabhängigen Ukraine grundsätzlich infrage. Denn eine Restauration der Sowjetunion ist ohne die Ukraine undenkbar. Es gibt keine Großmacht Russland ohne eine von Russland abhängige Ukraine. Aus heutiger Sicht war der Satz Putins aus dem Jahre 2005 eine Kriegserklärung an die Ukraine. In Deutschland wurde Putins Revanchismus jedoch vor dem 24. Februar 2022 weitgehend ausgeblendet, warnende Stimmen verhallten allermeist.

Die Ukraine erschien 1991 für viele unerwartet als eigenständiger Staat auf der europäischen Landkarte. Schon bald wurde jedoch deutlich, dass sich Politik und Öffentlichkeit in Deutschland einig waren die Ukraine nicht in die EU und die NATO aufzunehmen. Und es gab noch einen weiteren Konsens in der deutschen Öffentlichkeit und Politik: Russland hat Vorrang.

Russland widersetzt sich einer Mitgliedschaft der Ukraine in der EU und in der NATO, denn die Ukraine gehörte nach russischem Verständnis zum exklusiven Interessengebiet Russlands, der „russischen Welt“. Neutralität und nicht Integration nach Westen waren die russischen Minimalforderungen gegenüber der Ukraine. Die deutsche Politik hat dies bei der Definition der deutschen Interessen berücksichtigt. Sie konnte sich dabei auf eine breite Öffentlichkeit stützen, die als traditionell russlandfreundlich charakterisiert werden kann.

Wie lässt sich die Nichtwahrnehmung der Ukraine in Deutschland und damit verbunden die Missachtung ihrer Interessen erklären?
Die Ukrainische Nation hatte in ihrer Geschichte über lange Zeit (wie das spätere Deutsche Reich und heutige Deutschland auch) keinen eigenständiger Staat. Daher war sie für andere eigenstaatlich organisierte Nationen kein selbständiger Partner, kein Verhandlungspartner in politischer und wirtschaftlicher Hinsicht, kein eigenständiges Subjekt. Dies gilt für die Zeit der Aufteilung zwischen dem Deutschen Reich, dem Habsburger Reich und dem russischen Zarenreich und für die Zeit nach 1919, als die Ukraine als Ukrainische Sozialistische Sowjetrepublik Teil der Sowjetunion wurde und als solche keine eigene Außenpolitik betreiben konnte. Die Ukraine war vor, während und nach ihrer Zugehörigkeit zur Sowjetunion für das Deutsche Reich und Deutschland kein eigener geopolitischer Akteur, nicht von geopolitischem Interesse, sondern vor allem nur wegen seiner Rohstoffe und landwirtschaftlichen Produkte interessant. 19
Die Ukraine als integralen Teil Russlands zu sehen, war nach 1945 auch eine Form der Wiedergutmachung der deutschen Politik und Öffentlichkeit gegenüber durch Moskau / Russland vertretenen Sowjetunion. 20

In Deutschland meinte man, sich wegen der Nazi-Verbrechen im Zweiten Weltkrieg mit Kritik an Moskau zurückhalten zu müssen. Die UdSSR wurde gleich gesetzt mit Russland. Ein Blick auf den Frontverlauf des Zweiten Weltkrieges zeigt jedoch, dass es die Ukraine war, deren Territorium zum einen vollständig und zum anderen über die gesamte Dauer des Russlandfeldzuges von den Feinden besetzt war. Die Zerstörungen und die Opfer sind aus diesem Grund größer als im heutigen Russland. Das hat ebenfalls, aber nicht in dem Ausmaß wie die Ukraine gelitten.

Die Leerstelle Ukraine auf der deutschen mentalen Landkarte ist umso auffälliger, als sie in deutlichem Kontrast zur Wahrnehmung Deutschlands in der Ukraine steht. Die Wahrnehmung Deutschlands in der Ukraine ist eher überhöht und mit zu hohen Erwartungen befrachtet.

Die Bundesrepublik Deutschland und die DDR waren hinsichtlich der Missachtung der Ukrainer gleich auf. Nirgendwo in der DDR wurde die ukrainische Sprache gelehrt, während Russisch Pflichtfach an den Sekundarschulen / POS war. In der Bundesrepublik wurde Ukrainisch nur an wenigen Hochschulen auf niedrigem Niveau als Fremdsprache angeboten. In beiden deutschen Staaten fristete Ukrainisch eine Nischenexistenz im Rahmen der Slawistik. In der Wahrnehmung der Menschen existierten die Ukraine und die Ukrainerinnen und Ukrainer allenfalls als Folklore.

In der Publizistik und Forschung der Bundesrepublik nach 1945 spielte die Ukraine keine Rolle. Ständige Auslandskorrespondenten in Kyjiv gab es nicht. In der Literatur für das 20. Jahrhundert wurden vielfach die Begriffe Sowjetunion und Russland gleichgestellt, synonym verwandt. Damit übernahm die westdeutsche Forschung ohne weiteres das sowjetische Narrativ, wonach in der Sowjetunion das nationale Problem gelöst sei. Im entwickelten Sozialismus existierte demnach weder eine ukrainische Frage noch gab es irgendwelche anderen nationalen Probleme, mit denen man sich beschäftigen musste.
Nichtrussischen Völkern kam kein Subjektcharakter in der Geschichte zu.

Russlandorientierung der deutschen Politik und Gesellschaft seit 2000

Viele Deutsche sympathisierten lange mit dem autoritären Russland und fremdelten mit der zivilgesellschaftlich geprägten Ukraine. Insbesondere in der sozialdemokratischen Linken gibt es eine wichtige Einflussgruppe von Feinden der Ukraine 21. Zu ihnen gehör(t)en Helmut Schmidt 22 und Gerhard Schröder, der sozialdemokratische Sicherheitsexperte Egon Bahr und der Friedensaktivist Erhard Eppler und weitere, auch heute immer noch aktive Politiker. 23
Jahrzehntelang vertraten sie die Maxime, Frieden sei nur im Einvernehmen mit der Sowjetunion oder Russland möglich, nicht gegen sie. Dies wurde zu einem Leitprinzip der deutschen Außenpolitik. Fixiert auf Russland als Supermacht, ignorierten diese Politiker die Ukraine, ordneten ihr Recht auf Freiheit und Selbstbestimmung den angeblichen Sicherheits- und Stabilitätsinteressen Moskaus und Berlins unter und hielten am (imperialen) Denken in Einflusssphären fest. Diese Positionen haben sich, ebenso wie das Rezept für „Wandel durch Handel“, als überholt erwiesen. 24

In Osteuropa hat sich der Hitler-Stalin-Pakt und der am 28. September 1939 geschlossene Deutsch-Sowjetische Freundschafts- und Grenzvertrag tief in das Gedächtnis eingegraben. Am 22. September 1939 fand in Brest-Litovsk die berüchtigte Siegesparade von Wehrmacht und Roter Armee statt, auf der die deutsch-sowjetische Waffenbrüderschaft gefeiert wurde. Vorher war die Sowjetunion von Osten in Polen einmarschiert, nachdem die deutsche Wehrmacht vorher Polen von Westen her großteils besetzt hatte. Die damals gezogenen Grenzlinien sollten bis 1990 die Aufteilung Europas prägen. Wenn Deutschland und Russland eng zusammenarbeiten, wenn deutsche Politiker sogar noch heute von Russland als Nachbarn sprechen, und die direkt angrenzenden Länder übergehen, werden die Menschen in Osteuropa aus historischer Erfahrung sehr wachsam.
Das hat gerade der Umgang mit den Nord Stream Gas-Pipelines gezeigt.

Das Wissen über die Befindlichkeiten und tatsächlichen Verhältnisse in der ukrainischen Gesellschaft und das darin weit verzweigte Netz der ukrainischen Nichtregierungsorganisationen (NGOs) ist in Deutschland schwach. Die Bereitschaft, das Land kennenzulernen, war lange gering. Viele erlagen lange dem Irrglauben, dass sie, wenn sie Russland kennen, auch genug über die Ukraine wüssten.
Doch es existieren große Unterschiede, vor allem im Engagement der Bürgerinnen und Bürger für ihr Land. Ob die Reform der Wahlgesetze und des Justizwesens, der Kampf gegen die Korruption oder für Transparenz in der Wirtschaft, für die Beschneidung der Macht der Oligarchen, für transparente Einkommensdeklarationen von Abgeordneten und Regierungsmitgliedern, für die Dezentralisierung der Macht und die Stärkungen der lokalen Parlamente und Verwaltungen – es gibt kaum ein Politikfeld, das Aktivisten in den NGOs nicht mit ausgehandelt hätten.
Die zumeist jungen Männer und Frauen bringen sich in einem derart großen Umfang in die Umgestaltung ihres Landes ein, der in Russland nicht ansatzweise zu finden ist. Auch weil dort genau dieser politische Teil der Zivilgesellschaft seit dem Jahr 2011 massiv unterdrückt wird. 25

Zu den „Leer­stel­len“ der deut­schen Ver­gan­gen­heits­be­wäl­ti­gung gehören auch die Massaker der Deutschen Wehrmacht und ihrer ausländischen Hilfstruppen und deutschen sog. Einsatzgruppen in der Ukraine wie z. B. in Babyn Jar bei Kyjiv und in Korjukiwka im Nordosten der Ukraine.  26
Die orangene Revolution in der Ukraine 2004  27, die Fussball-Europameisterschaft 2012 in der Ukraine und Polen 28 und schließlich der Euro-Maidan / die Revolution der Würde 2013 / 2014 29 verschafften der Ukraine nur zeitweise Aufmerksamkeit.

Die Progaganda des Putin-Regimes gegen die Ukraine

Und ab 2014 baute das Putin-Regime die Propaganda-Kanäle nach Westeuropa und Deutschland massiv aus, verbreitete Stereotype wie "Die Krim war schon immer russisch" oder "Die Ukraine ist kein richtiger Staat" und nahm großen Einfluss auf das Ukraine-Bild in Deutschland. 30 Vor dem Hintergrund des Ukraine-Konflikts intensiviert Russland seine Informationspolitik in Deutschland: Der Fernsehsender RT startet ein deutschsprachiges Programm; Moskau lanciert die multimediale Kampagne »Sputnik International«. Experten und Unterstützer verbreiten russische offizielle Positionen in den deutschen Medien und prägen damit das Ukraine-Bild in der Öffentlichkeit. Die russischen Auslandsmedien spielen jedoch eine geringere Rolle im Informationskrieg, die schärfsten Waffen sind die deutschen Fürsprecher Russlands, insbesondere Ex-Bundeskanzler Gerhard Schröder und seine Gefolgsleute 31.

Gerhard Bley 18. März 2026

Felix Kämmler danke ich für seine kenntnisreichen Hinweise.

 

Wesentliche Quellen: Gerhard Simon in Deutsch-Ukrainische Geschichten, herausgegeben von Marieluise Beck, Jan Class Behrends u. a., Ukrainian Voices , vol. 71, ibidem-Verlag 2024, S. 29 ff und umfassend:
Schulze Wessel, Martin, Die übersehene Nation, Deutschland und die Ukraine seit dem 19. Jahrhundert. C.H.Beck 2025.
Einen leicht lesbaren, knappen Überblick bietet auch "Ukraine verstehen - Geschichte, Politik und Freiheitskampf", Steffen Dobbert, Klett-Cotta, 3., aktualisierte und um ein Nachwort erweiterte Auflage, 2023

2  http://en.kremlin.ru/events/president/news/66181, https://libmod.de/putins-bedrohliche-alternative-geschichtsschreibung-schulze-wessel/

3 Schulze Wessel, Martin, a.a.O. S. 18,

4  https://de.wikipedia.org/wiki/Zur_historischen_Einheit_von_Russen_und_Ukrainern

Schulze Wessel, Martin, a.a.O. S. 38

Schulze Wessel, Martin, a.a.O. S. 24,

Schulze Wessel, Martin, a.a.o: S. 9

8  https://de.wikipedia.org/wiki/Nahes_Ausland

Schulze Wessel, Martin, a.a.O. S. 10

10  https://laender-analysen.de/ukraine-analysen/49/die-nato-integration-der-ukraine-zwei-schritte-zurueck-einer-nach-vorn/;  https://www.bpb.de/themen/europa/ukraine-analysen/155758/analyse-die-sicherheitspolitik-der-ukraine-und-ihre-beziehungen-zur-nato/
https://de.wikipedia.org/wiki/Beziehungen_zwischen_der_NATO_und_der_Ukraine

11  https://de.wikipedia.org/wiki/Vertrag_von_Perejaslaw

12  Im österreich-Ungarischen Habsburger-Vielvölkerstaat wurden die Ukrainer aber „Ruthenen“ genannt (vom lateinischen Wort „Ruthenia“ für Rus), vielleicht um sich bewusst von russischen Machtansprüchen auf das ukrainische Siedlungsgebiet abzugrenzen. Das Habsburger-Reich pflegte eine tolerante Nationalitätenpolitik.

13  https://de.wikipedia.org/wiki/Pjotr_Alexandrowitsch_Walujew

14  https://de.wikipedia.org/wiki/Ukrainische_Sprache

15  Der Bundestag hat am Mittwoch, 30. November 2022, einen Antrag mit dem Titel „Holodomor in der Ukraine: Erinnern – Gedenken – Mahnen“ verabschiedet, den die Koalitionsfraktionen SPD, Bündnis 90/Die Grünen, FDP sowie die CDU/CSU (20/4681) gemeinsam vorgelegt haben. Die Vorlage wurde mit der Mehrheit der Antragsteller bei Enthaltung der AfD und Die Linke angenommen. Der Begriff Holodomor (von ukrainisch „holod“ – Hunger und „moryty“ – umbringen) bezeichnet dem Antrag zufolge die gezielte und massenhafte Tötung durch Hunger, der in den Jahren 1932 und 1933 Millionen Menschen in der damals zur Sowjetunion gehörenden Ukraine zum Opfer fielen. https://www.bundestag.de/dokumente/textarchiv/2022/kw48-de-holodomor-923060

16   Schulze Wessel, Martin, a.a.O. S. 76ff

17  https://de.wikipedia.org/wiki/Nikita_Sergejewitsch_Chruschtschow

18  https://laender-analysen.de/russland-analysen/63/russlandanalysen63.pdf

19  Schulze Wessel, Martin, a.a.O. S. 10, 47

20  Schulze Wessel, Martin, a.a.O. S. 11

21  Gerhard Simon a.a.O. S. 34

22  ZEIT Nr. 14/2014 27. März 2014 https://www.zeit.de/2014/14/helmut-schmidt-russland

23  Sabine Adler, Ukraine – Ignoranz, Zeitschrift OSTEUROPA, 72. Jg., 6–8/2022, S. 159–166 https://zeitschrift-osteuropa.de/hefte/2022/6-8/ukraine-ignoranz/?productId=47429&variationId=0&productTitle=Ukraine-Ignoranz&qty=1&totalQty=1&numberOfTitles=1&totalAmount=3%2C00%C2%A0%E2%82%AC

24  Sabine Adler, Ukraine – Ignoranz, Zeitschrift OSTEUROPA, 72. Jg., 6–8/2022, S. 159 https://zeitschrift-osteuropa.de/hefte/2022/6-8/ukraine-ignoranz/?productId=47429&variationId=0&productTitle=Ukraine-Ignoranz&qty=1&totalQty=1&numberOfTitles=1&totalAmount=3%2C00%C2%A0%E2%82%AC

25  Sabine Adler, Ukraine – Ignoranz, Zeitschrift OSTEUROPA, 72. Jg., 6–8/2022, S. 163 https://zeitschrift-osteuropa.de/hefte/2022/6-8/ukraine-ignoranz/?productId=47429&variationId=0&productTitle=Ukraine-Ignoranz&qty=1&totalQty=1&numberOfTitles=1&totalAmount=3%2C00%C2%A0%E2%82%AC

26  zum Massaker von Babyn Jar  https://de.wikipedia.org/wiki/Massaker_von_Babyn_Jar
zum Korjukiwka-Massaker https://tschernihiw-grenzland-im-norden.de/st%C3%A4dte-und-gemeinden-in-der-region-tschernihiw/korjukivka-korjukiwka/das-historische-museum-korjukiwka

27  https://osteuropa.lpb-bw.de/orange-revolution-ukraine, https://de.wikipedia.org/wiki/Orange_Revolution

28  https://de.wikipedia.org/wiki/Fu%C3%9Fball-Europameisterschaft_2012/Ukraine; https://de.wikipedia.org/wiki/Fu%C3%9Fball-Europameisterschaft_2012; https://www.spiegel.de/politik/ausland/polen-leidet-unter-em-partner-ukraine-a-834514.html

29  https://www.bpb.de/shop/zeitschriften/izpb/info-aktuell/209820/die-majdan-revolution-und-das-bewaffnete-eingreifen-russlands/

30  Susanne Spahn in https://www.bpb.de/themen/europa/russland-analysen/nr-317/228854/analyse-das-ukraine-bild-in-deutschland/, Susanne Spahn, Das Russland-Netzwerk, Frankfurter Allgemeine Zeitung Verlag, Frankfurt 2024

31  https://aktenoeffner.de/index.php/gas-lobby/akteure-und-strukturen/personen-bundespolitik-und-andere-bundeslaender